Der eine und der andere Urlauber
Die USA sind seit einigen Jahren Ziel derjenigen Europäer, die sich an heimischen Gefilden sattgesehen, alle In-Orte Italiens, Spaniens, der Türkei, Ägypten und und und abgegrast haben und sich – ganz weltmännisch erfahren – in den Flieger setzen zum Langstreckenflug auf zu neuen Ufern – im wahrsten Sinne des Wortes auf die andere Seite des Atlantiks.
Nun gibt es diverse Kategorien von Amerika-Entdeckern. Für die einen ist der Trip in die Neue Welt eine einmalige Pauschal-Reise, die – Flug, Hotel und Auto im Paket gebucht – für 14 Tage und 13 Nächte nach Miami führt und die über dessen Stadtgrenze nicht hinauskommen. Das Auto, welches sie hätte zu den verschiedenen Attraktionen und Naturparks bringen können, dient lediglich zu Strand-, Shoppingmall- und Restaurantfahrten. Man kennt diese Art Touristen ganz genau, sie erkunden nicht im eigentlichen Sinne ein Land, sondern sie machen im wesentlichen lediglich einen Long-Distance-Abstecher aus Good old Europe, urteilen nach eigenem Geschmack und Empfinden über dieses Land nach diesem kurzen Eindruck und lassen sich danach meistens nicht mehr blicken. Zu Hause geben sie – ganz erfahren und großspurig – diverse Reiseberichte zum Besten, die von abschätzend bis überheblich reichen können. Diejenigen aber, die durch das Raster gefallen sind und tiefgehendere Erfahrungen mitnehmen, kommen wieder und gestalten ihre Wiederholungstat auf eine ganz andere Art und Weise…
Wobei wir bei einer anderen Kategorie Florida-Reisender angekommen wären. Diese arbeitet nach dem Prinzip Rundreise zwecks Abhakens der unterschiedlichsten Sightseeingspunkten. Erkannte man sie in früheren Jahren noch daran, dass auf des Beifahrers Knien eine weitflächig ausgebreitete Straßenkarte ruhte, worüber des ortsunkundigen Kopfes tief gebeugt war, so hat es der Rundreisende heutzutage um ein vielfaches einfacher. TomTom und wie sie alle heißen sind direkt vom Mietwagenanbieter mitzuordern und schicken den Rundreisenden zielsicher und pfeilgerade an den Ort der touristischen Begehrlichkeit, ohne Umwege und ohne sich auch nur ein einziges Mal zu verfahren. Findige und pfiffige Rundreisende bringen sich, so sie über ein mobiles Navigationsgerät zu Hause verfügen, dieses im Flieger mit und sparen sich somit die Mietgebühr.
Egal aber, wie sie es managen, die Pfadfinder der Landstraße und Highways per Finger auf der Landkarte sind heute kaum noch anzutreffen. Schade eigentlich, denkt man das ein oder andere Mal unter dem Eindruck der unpersönlich anmutenden Stimme des Navi’s, die uns den Weg unerbittlich vorgibt, an längst vergangene Zeiten heißer Diskussionen im Wageninneren über die Lotsenfähigkeiten und die Aktualität von Landkarten nach, die heute stapelweise aus allen Regionen der Welt im heimischen Schrank ihr Rentendasein fristen.
Die Everglades
Die Everglades gewähren Zugang von mehreren Orten aus. Wir beschränken uns auf die bekannteste Strecke, den Tamiami-Trail. Er führt von der West- (Golf)küste, Marco Island als letzter Ort außerhalb der Everglades, über genannten Trail querfeldein zur Ostküste der USA mit Miami als letzter Ort vor den Everglades. Alternativ steht oberhalb des Tamiami-Trails parallel noch die Interstate I-75 für erwähnte Strecke zur Verfügung, jedoch wird diese üblicherweise mehr als Business-Way – also dem schnellen Passieren von Ost nach West oder umgekehrt genutzt. Die interessantere Variante ist und bleibt für Abstecher zu Board-Walks und in Indianer-Reservate der Tamiami-Trail.
Die Everglades sind Amerikas einzigartiges Ökosystem im Süden Floridas. Sie reichen vom Lake Okeechobee, größter See Floridas im Landesinneren gelegen und Amerikas drittgrößter See überhaupt. Die Everglades umfassen rund 6.100 Quadratkilometer, ein Teil davon wurde bereits 1947 zum Everglades-Nationalpark erklärt und damit zum Naturschutzgebiet. Der höchste, in diesem groß angelegten Gebiet gemessene Punkt liegt nur 2,40 m über dem Meeresspiegel. Das Biotop besteht aus einer 80 Kilometer breiten Fluss- und Marschlandschaft, die mit ihrem ungewöhnlich niedrigen Wasserstand auch eine besonders langsame Strömung aufweist. Der Grasfluß, wie das Wasserbiotop auch regional genannt wird, fließt mit einer Geschwindigkeit von einem Meter pro Stunde. Die Region gilt als eines der empfindlichsten Ökosysteme der Welt und bietet vom Aussterben bedrohten Pflanzen und Tieren, wie beispielsweise dem Florida-Alligator, Schutz und Lebensraum. Jährlich besuchen ungefähr 1,2 Mio Menschen die Everglades. Eine unglaublich hoch anmutende Zahl, aber aufgrund der Weite des Landes erscheint es dem Besucher nicht wie ein Ansturm auf einen Vergnügungspark und ungestörte Entdeckungstouren auf den Board-Walks und Trails sind absolut gewährleistet. Lediglich an den Kassen der verschiedenen Airboat-Tour-Stellen kann es, sollte der Tag weiter fortgeschritten sein, zu einer kleineren Menschenansammlung kommen. Deshalb empfiehlt es sich, wenn man an einer der interessanten und empfehlenswerten Airboat-Touren, die einen ins Innere der Everglades führt und einen Blick auf die vielfältige Tierwelt im und außerhalb des Feuchtbiotops verspricht, teilnehmen möchte, diese bereits morgens in sein Programm aufnehmen.
Wir befinden uns zu pünktlicher, oben beschriebener frühen Tageszeit als eine der ersten Bootsgruppe in einem dieser typischen Sumpfboote. Man nennt sie Propeller-Boote, ihre Eigenschaft besteht aus dem niedrigen Tiefgang und dem großen, zwei bis drei Meter Durchmesser umfassenden, außerhalb des Wassers am Ende des Bootes angebrachten Propeller, der den eigentlichen Motor des Bootes darstellt. Damit wird ein Kontakt der Bootsschrauben mit den Wasserpflanzen verhindert.
Wir ahnen es schon, wie laut dieser Propeller während des Betriebes werden kann, als der Guide aus einer Kiste eine Tüte hervorzaubert und eifrig an alle Passagiere im Boot Ohrstöpsel verteilt. Eine Gruppe amerikanischer Senioren ist begeistert ob des bevorstehenden Abenteuers. Eine Lady, in großblumiges und sehr floral anmutendes Gewand gekleidet sowie einem ebenso auffälligen, breitkrämpigen Sonnenhut und einer aus den 60er Jahren resultierenden Sonnenbrille, freut sich wie ein Kind über die im Wasser um das Boot herumtanzenden Wasserrosen. Spielerisch läßt sie eine Hand durch das klare Wasser gleiten. Man merkt es schon, sie fühlt sich wie in einer Gondel auf den Canale Grande, bis unser Guide sie in die Wirklichkeit zurückholt und augenzwinkernd, aber strenger Stimme auf den eben ein paar Meter weiter auftauchenden Alligator aufmerksam macht. “It’s just a small one”, flötet unsere old Lady zum Guide. “Richtig, er beißt nur ein paar Finger ab, anstatt die ganze Hand”, belehrt sie der Guide ungeduldig und unterstreicht nochmal grinsend die Ernsthaftigkeit seiner Worte.
Und los geht die Fahrt. Das Boot gleitet mit ungeheurer Geschwindigkeit über die Wasseroberfläche. Der Lärm ist trotz der Ohrstöpsel immer noch ohrenbetäubend, aber das gehört dazu und erhöht das Gefühl des Abenteuers noch um einiges. Der Guide auf seinem erhöhten Sitz am Ende des Bootes verlangsamt immer wieder die Fahrt, wenn wir an Ibis-Reihern, einer faul in der Sonne am Uferrand dösenden Alligator-Gruppe, seltenen Pflanzen, Orchideen, Pelikanen, Graureihern, Riesenschildkröten und weiteren landestypischen Tieren vorbeikommen. Er gibt bereitwillig Auskunft und erklärt jede Frage ausführlich und geduldig. Hier und da ein paar Anekdoten eingebracht ist diese Lehrstunde absolut eine Ergänzung zur Highspeed-Tour durch die Sümpfe der Everglades. Wir haben diese Attraktion sehr genossen und nunmehr eine Ahnung von dem, wie weitläufig die Everglades mit ihren Tenthousand Islands sind und wie gut es die Amerikaner in diesem Fall verstanden haben, diesem Refugium die nötige Aufmerksamkeit und touristische Rücksichtnahme zukommen zu lassen – trotz Propeller-Boot….!
Übrigens beeindruckend festzustellen: Ein derart rücksichtsvoller und vorausschauender Umgang mit den von Kommerz geprägten Amerikanern mit einem ihrer Naturschutzgebiete hätte man ihnen kaum zugetraut, denn man wird vergeblich Ausschau halten nach Fastfood-Ketten und sonstigen Konsumtempel in den Everglades.
The Loop – Auf den Spuren von Trappern und Indianern
Endlich, nach mehreren Anläufen diverser Jahre, haben wir Besitz von der vielzitierten und häufig erwähnten Loop genommen. Das heißt, wie haben eine Fahrt auf eigene Faust mit dem Wagen durch ein Teilstück der Everglades gewagt. Bereits viel darüber gelesen, wie interessant, tierreich und voll mystischer Fauna diese Tour sein soll, haben wir eine Jahreszeit gewählt, die die sommerliche Regenzeit dieser subtropischen Landschaft bereits hinter sich gelassen hat – denn… es ist ein absolut naturbelassener Trail. Wendemöglichkeiten, wenn die Strecke nicht weiter passierbar sein sollte, gibt es so gut wie keine. Das Fahrzeug für den Trip sollte wirklich tauglich für diese ungastlichen Pfade sein und – auch wenn es jetzt recht spektakulär klingt, man geht den sicheren Weg, wenn man jemanden über seine bevorstehende Unternehmung Loop informiert, denn über eines sollte man sich klar sein: Man befindet sich in einer relativ gottverlassenen Pampa. Ich kann mich auf einer Strecke von 45 Meilen, für die man ca. 2 1/2 – 3 Stunden braucht, an zwei entgegenkommende Fahrzeuge erinnern, und dies war auf einem ausnahmsweise breiteren Brückenweg, ansonsten wären wir, die beiden Fahrzeuge also, schlecht oder gar nicht aneinander vorbeigekommen. Die Engstellen weisen enorme Schwierigkeitsgrade auf und erfordern höchste Aufmerksamkeit und Präzision.
Ich habe die Alligatoren nicht gezählt, die wir in der Loop ausmachen konnten, aber es waren ganz sicher ein Dutzend.
Jedoch diese Urtiere in den Sümpfen zu beobachten ist natürlich um ein vielfaches spannender und aufregender, als sie in einer der am Tamiami-Trail befindlichen Gator-Farms präsentiert zu bekommen. Obwohl ein Stop in diesen, von Natives (Indianern) geleiteten Farmen gerade Kindern durch den direkten Kontakt mit Baby-Gators ein einmaliges Erlebnis bietet.
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Everglades?
Man darf mit Überzeugung behaupten, dass man trotz allem oder gerade wegen gewisser Unwegsamkeiten für diese Widrigkeiten, welche ja auf unserem Abenteuertrip durch die Sümpfe der Everglades eigentlich keine sein dürften, fürstlich belohnt wird und unsere hohen Erwartungen in Bezug auf Sumpfszenen, tief verurwaldete Bachläufe und Moorseen links und rechts des Trails in den höchsten Tönen frohlocken können. Auf der uns gebotenen Freilichtbühne haben die Natur sowie Millionen von Jahren offensichtlich Regie geführt und wir wünschen uns noch lange kein Absetzen vom Spielplan dieser naturbelassenen ökologischen Welt.
Frühere Artikel über sehenswerte Locations in Florida:
http://june0306.wordpress.com/2009/07/21/key-west-florida-tor-zur-karibik/





























