Mein Baum
Ich habe einen eigenen Baum, meinen Lebensbaum. Natürlich gehört er mir nur verbal und in jungen Jahren wissen wir nicht voneinander. Aber je älter wir werden, desto klarer wird, dass er eine Bestimmung hat und wir ahnen, dass wir irgendwann zusammen gehören.
Als ich geboren wurde, hat man ihn gepflanzt. Ein graziles Stück Ast mit ein paar wenigen dünnen und feinen, hellgrünen Blättern behangen. In der Hoffnung, dass er anwachsen wird, hat man ihn behutsam gehegt und gepflegt, ihm den höchst möglichen Schutz angedeihen lassen und ihm, als er sich verwurzelt hatte, eine Chance auf ein langes Leben gegeben.
Nach vielen Jahren des Wachsens, als er sich zu einer stattlichen Größe entwickelt hatte, konnte man erahnen, zu welcher Höhe er sich noch würde erstrecken können. Seine weit ausladende Krone, ein prächtiger, dicker Stamm, seine Stärke und Vollkommenheit ließen keine Zweifel offen, dass er so manchen Bewunderer finden würde. Diese Jahre sind seine besten und sie vergehen schnell, ebenso wie meine besten Lebensjahre schnell vergehen.
Sind 50 Jahre viel im Leben eines Baumes? Nicht, wenn er unbeirrt und ohne äußere Einflüße wachsen kann. In meinem Leben jedoch bin ich schon einen Schritt weiter und ich beginne, nach meinem Baum zu suchen. Ich weiß, dass wir in nicht allzu langer Zeit eins werden. Ich ahne, wo ich meinen Baum finden kann und ich halte Ausschau nach ihm, entdecke ihn nach langem Suchen, erzähle ihm von unserem Vorhaben und bereite ihn auf unsere Verbindung vor. Dann verabschiede ich mich von meinem Baum, verspreche ihm aber, sehr bald wiederzukommen. Ein paar Jahre werden es vielleicht sein, aber es könnte auch schon eher passieren.
Ein letztes Mal noch besuche ich meinen Baum. Er und ich, wir sind alt geworden. Er hätte wohl eine Chance, noch weiter zu wachsen und zu bestehen. Ich aber muß Abschied nehmen von der Welt. Wir reden lange miteinander, erzählen uns unser beider Leben und stellen fest, dass sich viele Phasen unseres Lebens ähneln – die Zeit des Wachstums, der Jugend, der vollen Blüte und des Älterwerdens. Wir sind traurig, dass uns keine Zeit mehr bleibt, aber ich verspreche ihm, dass er ein würdiges Ende finden wird. Er soll mein Haus werden, wenn ich nicht mehr bin…..
@ june
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